Von erkaufter Liebe
„Ensemble déjà-vu“ mit Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ im „Theater in der Kurve“


Von Oliver Steinke


NEUSTADT-HAMBACH. Ein Stück über emotional Abhängigkeiten und die Ausbeutbarkeit von Gefühlen präsentierte die Theatergruppe „ensemble déjà-vu“ um den aus Landau stammenden Regisseur Achim Haag erneut im „Theater in der Kurve“ in Hambach: „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner Fassbinder. Bereits im vergangenen September war die Truppe mit Bergmans „Herbstsonate“ zu Gast.


In dem Stück, 1972 von Fassbinder selbst verfilmt, verliebt sich die reiche Modedesignerin Petra von Kant (Sabine Quiske) in die aus einfachen Verhältnissen stammende Karin Thimm (Gudrun Haupt) und macht sie zum Model. Ihre sie abgöttisch liebenden, stummen Diener Marlon (Steffen Fischer) hingegen behandelt sie wie einen Sklaven. Fassbinder sagte über das Drama: „Meine Filme sind für die Frauen, nicht gegen sie. Aber fast alle Frauen hassen Petra von Kant – jedenfalls die, die die Arten von Problemen haben, von denen der Film handelt, die das aber nicht zugeben wollen.“


„Ich habe Fassbinders Stoff vom Wesen her nicht verändert, wohl aber auf die drei Darsteller verdichtet“, meinte Achim Haag dazu und ließ den 1982 mit 37 Jahren früh verstorbenen Fassbinder als Geist im Prolog selbst zu Wort kommen. Von Steffen Fischer mit verblüffender Ähnlichkeit gespielt, fragt Fassbinder hier nach der Aktualität des eigenen Stückes. Untermalt von der gefühlvollen Musik der Rockband „The Seven Sins“ aus St. Augustin ließ das „ensemble déjà-vu“ auf der mit Bett, zwei roten Ledersesseln und Staffelei bestückten Bühne nie Zweifel an der Antwort aufkommen: Fragen über die „Liebe“, ob käuflich, Besitz ergreifend oder sich selbst aufgebend, werden stets ein zeitloses Phänomen bleiben.


Petra von Kants Lebensstil wird als geschiedene Frau aus der Obersicht von Selbstgefälligkeit und Doppelmoral geprägt. Zu dem Schlüsselbegriff „Demut“ meint sie zunächst ehrlich: „Wenn ich das Wort schon höre!“ Dann verlogen: „Es gibt nichts Wichtigeres!“ Denn sie delegiert alle Arbeiten vom riesigen Bett aus an ihren stummen Diener Marlon: Er reicht ihr das nur eine Armlänge entfernt liegende Telefon, zieht ihre Schuhe und Jacke an. Doch führt er nicht nur willenlos Befehle aus, sondern entwirft sogar die Mode, mit der Petra von Kant berühmt geworden ist. Ohne ein einziges Mal in der Mimik zu überzeichnen, brillierte hier der genial aufspielende Steffen Fischer ausdrucksstark und stets gegenwärtig.


Petra von Kant erkauft sich Karin Thimms „Liebe“ mit Geld und der Ausbildung zum Model. Als sich Karin ein halbes Jahr später dennoch von ihr abwendet, will Petra von Kant dies nicht wahrhaben. „Bitte lüg‘ mich an“, fleht sie und kann doch das Verlassenwerden von der „kleinen Nutte“, wie sie Karin nun nennt, nicht verhindern. Sowohl die Verliebtheitsphase als auch die selbstzerstörerische Eifersucht Petra von Kants spielt Sabine Quiske äußerst intensiv und erschütternd echt.


Gudrun Haupt überzeugte ebenfalls in der moralischen Unbekümmertheit, mit der Karin Thimm die Beziehung zunächst zulässt und dann wieder auflöst. In der Inszenierung von Haag erscheint die Rolle vielschichtiger als im Film, kontert Karin zum Beispiel Petras Unsicherheit und Forderungen nach Liebesbestätigung mit Sarkasmus. „Ich habe nie gesagt, dass ich mich scheiden lasse, ich habe gesagt, dass ich mich vielleicht irgendwann einmal scheiden lasse.“ Am Ende wird Petra von Kant auch von Marlon verlassen, als diesem klar wird, dass sie ihn als eigene Person nie wahrgenommen hat.


Insgesamt hinterließ das „ensemble déjà-vu“ mit Fassbinders Stück und dem Konzept „Konzentration auf das Wesentliche“ des polnischen Theatertheoretikers Jerzy Grotowski wieder einen starken und überzeugenden Eindruck und lässt so auf ein erneutes Gastspiel im Theater in der Kurve hoffen.
Aus: Rheinpfalz, Neustadt-Hambach, 7.3.16